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In Tat und Wahrheit war das 9. Prättigauer Industriereferat eine beeindruckende Lektion in Sachen Innovation, Durch-haltewillen – und Menschlichkeit.
Coni Allemann
Berthold Leibinger ist wie kein anderer mit der Trumpf-Gruppe verbunden – sie ist sein Lebenswerk. Sympathisch und unaufdringlich befragt durch Fernsehmann Kurt Aeschbacher, gab er am vergangenen Dienstag in Grüsch – im Rahmen der Prättigauer Industriereferate im Innozet – über sein Leben und seine Arbeit Auskunft. Dazwischen las er Passagen aus seinen Erinnerungen vor, die unter dem Titel «Wer wollte eine andere Zeit als diese» erschienen sind. Kurt Aeschbacher liess Leibinger genügend Freiraum in der spannenden Diskussion, die vom Publikum gebannt verfolgt wurde. Doch der routinierte Talkmaster hakte oft nach und entlockte seinem Gesprächspartner so offene Statements.
«Ich wollte die besten Maschinen»
Eindrucksvoll beschrieb Leibinger die Zeit nach dem Krieg: «Was war in unseren Köpfen noch übrig nach 12 Jahren Propaganda?» fragte er sich und gab sich die Antwort in den 1950er-Jahren selber: Innovation.
Allein musste Leibinger diesen Weg allerdings nicht gehen: «Ich brauche Jemand, mit dem ich über alles sprechen kann», erklärte er. Diese «Jemand» fand er in seiner Gattin, die er 1950 kennenlernte. «Es ist nicht immer Sonnenschein», bekannte er freimütig, denn es sei keine harmonische, aber dafür eine immer lebendige Beziehung. So besprach er geschäftliche Dinge mit seiner Gattin. Auch die Nachfolgeregelung wurde in der Familie besprochen.
Optimismus ist Pflicht
Spannend war zu erfahren, wie sich der Weg des Lehrlinges Leibinger bis hin zum Firmenchef abzeichnete: Die Diplomarbeit zur Verbesserung des Schneidprozesses einer Trumpf-Maschine, der Aufenthalt in den USA, die Rückkehr nach Europa und schliesslich die lang andauernde Übernahme der Aktienmehrheit – dies waren Stationen, die das Leben von Berthold Leibinger stark geprägt haben. Schliesslich wurden auch eher negative Vorkommnisse nicht aussen vor gelassen: Dass bei einem Umsatzrückgang von 40 Prozent nur gerade 1.8 Prozent Personal eingespart werden musste, ist ebenfalls das Verdienst Leibingers: «Jede Kündigung tat mir weh!» So kam er auf die Idee, seinen Angestellten in der Krise eine effiziente Weiterbildung zu ermöglichen.
Nicht nur für diesen äusserst sozialen Umgang mit seinen Arbeitskräften wurden ihm zahlreiche Ehrungen zuteil: «Ehrungen gelten vielen, sie meinen immer das Unternehmen», äusserte sich der Professor und Doktor jedoch bescheiden dazu und beschloss das Gespräch sodann mit den Worten: «Optimismus ist Pflicht.»
Berthold Leibinger: «Wer wollte eine andere Zeit als diese», Murmann-Verlag